Kruzifikation der Identität

Foto: Werner Schulz

Peter Weibel
Kruzifikation der Identität, 1973
Videoskulptur

• Trigon, Audiovisuelle Botschaften, Künstlerhaus, Graz, 6.10.–11.11.1973


„in einem kreuz, beschlagen mit schwarzem schmiergelpapier, befinden sich eine videokamera, zwei elektrooptische schaltungen. im kreuzungspunkt der balken ein monitor. die kamera schaltet sich nur ein, wenn der betrachter auf dem ebenfalls mit schwarzem schmiergelpapier verkleideten podest steht – und zwar genau im mittelpunkt des darauf befindlichen eisenkreuzes – und seine arme ausbreitet, denn dann bildet sein körper selbst ein kreuz. die arme unterbrechen dabei nämlich die lichtstrahlen, die von den links und rechts des monitors angebrachten zwei schaltungen (mit selenzellen) ausgehen, wodurch sich die kamera einschaltet und dem monitor ein bild liefert.
der betrachter sieht sich also selbst nur in kreuzform im kreuz abgebildet – ansonsten ist der bildschirm leer.
das fundamentalste symbol der abendländischen kultur ist das kreuz, das einen identitätstransfer symbolisiert: gottvater -> sohn -> mensch; jesus christuts stirbt stellvertretend für uns, usw.
der preis für die identitätsfindung des menschen, dh sich im bilde bildlich wieder zu erkennen, ist das kreuz. der schmerz der abbildung; der riß der abbildung – dessen brücke das kreuz.“

[Peter Weibel, Otto Breicha (Hg.), Mediendichtung. Protokolle ’82. Zeitschrift für Literatur und Kunst,  Band 2, 1982, S. 110]

Weitere Abbildungen Kruzifikation der Identität:

Installationsansicht, Audiovisuelle Botschaften, Trigon 1973, Künstlerhaus Graz
6. Oktober – 11. November 1973