Exit

Peter Weibel, Valie Export, Hans Scheugl, Ernst Schmidt, Gottfried Schlemmer, Kurt Kren
Exit, 1968
Präparierte Leinwand (Aluminiumfolie), Feuerkugelwerfer, Flugobjekte, Rauchobjekte, Feuerwerkskörper, industrielle Musterfilme, Megaphon, Akteure

1. Europäisches Treffen der unabhängigen Filmemacher, Augusta Lichtspiele, München: „Während Weibel eine Rede hielt und Filme auf die Alu-Leinwand projiziert wurden, schossen (Export, Scheugl, Schmidt, Schlemmer, Kren) Feuerkugeln durch die Leinwand, warfen Feuerwerkskörper, entzündeten das Rauchpulver, starteten Flugobjekte, knallten den Saal voll, zischten los auf das Publikum, das hinter allem Möglichen Deckung suchte, die Türen aufriss und auf die Straße flüchtete.“
[Peter Weibel (Hg.), Wien: Bildkompendium, Wiener Aktionismus und Film, 1970, S. 259]

Auszug aus der Rede Peter Weibels:
„Feuer ist Licht, Kinematographie ist Licht, schreien die Reaktionäre. Sie sollen es haben – das bewegliche Lichtbild!
Film wird missverstanden als Bildersprache. Im Bild der Welt, das die Sprache liefert, spiegelt sich der Staat und sein Bild der Welt. Die Filmindustrie ist die staatliche Organisation, die jene Bilder der Welt liefert, die dem Bild des Staates entsprechen. Indem Film sich der Bildersprache entschlägt, bietet er nicht länger ein staatliches Bild der Welt, sondern verändert die Welt.
Expanded Cinema ist in der gegenwärtigen Phase der radikale Entschluss, mit der Wirklichkeit aufzuräumen und mit der Sprache, die jene kommuniziert wie konstruiert.
Expanded Cinema ist eine definitorische Erweiterung der Scala der optischen Phänomene. Expanded Cinema ist ein Aufstand gegen die Unterhaltungsindustrie als Reflex der Ausbeutung.
Expanded Cinema ist Expansion der Perzeption und der Kommunikation. Als Expansion der Perzeption Experimente in new biomedical proceedings, als Expansion der Kommunikation Exploration einer freieren Gesellschaft.
Expanded Cinema ist auf der Suche nach menschlicheren Formen der Kommunikation und Perzeption, d.h. freieren.
Expanded Cinema korrodiert den kapitalistischen Wissenschaftsbegriff und dessen Dichotomie in Theorie und Praxis, Forschung und Unterhaltung.
Expanded Cinema reproduziert nicht länger die Innovationen der Industrie.
Die Tradition des Expanded Cinema ist jenseits von Subvention und Kunst. Die Tradition von Expanded Cinema setzt an bei Vieta, bei der Ungeschiedenheit von Wissenschaft und Kunst als Ort der Hoffnung, wo beide nicht länger als Instrumente der Ausbeutung eingesetzt werden können.
Demonstrationen für Freiheit befreien den Staat, für die Freiheit der Demonstrationen zu sorgen. Der Film kann die politische Sprache des Individuums gegen die staatliche Vergesellschaftung werden. Die Unmittelbarkeit des Feuers an Stelle des gebändigten elektrischen Lichts ist die Erinnerung an den Ursprung der Kinematographie und der individuelle Protest gegen die normierte technokratische Welt.
Kinos sind Schlachthäuser der Individuen, klimatisierte Erlebnisboxen, die das Individuum zum Staatsbürger trainieren, ihn eintrainieren auf eine staatliche Wirklichkeit.“
[Peter Weibel, Das offene Werk, 2008, 575]