Konturen und Konjunkturen der Denkmalpflege

Konturen und Konjunkturen der Denkmalpflege504 Seiten Verlag Böhlau Köln

Inhalt

Seit den politischen und sozialen Erschütterungen der Zeit um 1800 hat sich Denkmalpflege allmählich in den europäischen Staaten als ein öffentliches Interesse durchsetzen können. Das Bewahrenwollen des Alten war dabei in der Regel verbunden mit Vorbehalten gegenüber den Beschleunigungserfahrungen bzw. der Traditions- und Heimatlosigkeit der modernen Gesellschaften und doch aufs Engste geprägt durch deren Dynamik. So lassen sich die historischen Konjunkturen der Denkmalpflege als Versuche verstehen, Antworten auf die spezifische Geschichts- und Erinnerungsbedürfnisse der jeweiligen Gegenwarten zu finden, und ihre Konturen als innerfachliches Ringen über das Wer, Was, Wie und Warum des Konservierens angesichts eines Kontinuitätsversprechens, das mit historischen Gebäuden im allgemeinen verbunden wird. Das vorliegende Buch versteht sich als kritische Auseinandersetzung mit den Geschichts- und Selbstbildern der deutschen und westeuropäischen Denkmalpflege. In mehr als 40 Texten untersucht es gängige Rezeptionsmuster, aber auch den Wert und die Bedeutung des Nicht-Tradierten, des Unbequemen sowie derjenigen Zeitschichten, die keinen Eingang in den Common Sense des Faches gefunden haben. Neue Protagonisten gilt es auf diese Weise zu entdecken, transnationale Verknüpfungen und Renationalisierungswellen, verdrängte Diskurse ebenso wie das Nachdenken über Denkmale der Zukunft und einen nachmodernen „Heritage Kultus“, dessen Konsequenzen für die traditionsreiche Denkmalpflege sich gegenwärtig bereits abzeichnen.

Ingrid Scheurmann ist Historikerin. Seit langem bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz tätig, wirkt sie als Honorarprofessorin an der TU Dortmund und als Lehrbeauftragte an der HU Berlin. Von 2008-2012 leitete sie den Masterstudiengang „Denkmalpflege und angewandte Bauforschung“ an der TU Dresden und 2005 die Ausstellung „Zeitschichten – erkennen und erhalten. Denkmalpflege in Deutschland“ im Dresdner Schloss. Sie ist 2. Vorsitzende des Arbeitskreises Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V. und engagiert in nationalen und internationalen Fachvereinigungen.

Inhaltsverzeichnis

EINFÜHRUNG

Wie lässt sich eine Geschichte der (deutschen) Denkmalpflege
heute schreiben?

Dank

ÜBERREST – ERINNERUNG – ÜBERLIEFERUNG
ZU DEN NARRATIVEN DER MODERNEN DENKMALPFLEGE

Wem gehört die Geschichte und wer macht sie?
Zur Einführung

Was bedeuten Zeugniswerte und was bezeugen sie?
Historische Werte in den Denkmaldiskursen des 20. Jahrhunderts

Muss ein Denkmal schön sein?
Zum denkmalpflegerischen Nachdenken über das Verhältnis
von Geschichte und Ästhetik

Halten sich Denkmale an Grenzen?
Transkulturelle Aspekte der Herausbildung und Geschichte der
deutschen Denkmalpflege

Verliert die Denkmalpflege im Ernstfall ihre Grundsätze?
Denkmalpflege im Ausnahmezustand

Sollen Denkmale bequem sein?
Zum Geschichtsbild der modernen Denkmalpflege

Wie jung kann ein Denkmal sein?
Zur Auswahl und Bewertung von Bauten der Nachkriegszeit

Wie erfolgt die denkmalpflegerische Auswahl heute? Erinnern und Vergessen in Zeiten von Big Data

Bild-Kommentar: Erinnern und Gedenken im 20. Jahrhundert

MULTIPERSPEKTIVITÄT ZUR BEFRAGBARKEIT HISTORISCHER ORTE

Referenzorte der Denkmalpflege
Zur Einführung

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
Das Heidelberger Schloss und die Denkmaldebatte um 1900

Kalte Abstraktion oder architektonisches Meisterwerk?
Positionen zur Vollendung des Kölner Doms

Freigelegt und überlagert
Zur Wahrnehmung der KZ Gedenkstätte Flossenbürg

Aura des Ortes
Der Gedenkort Passagen in Portbou

Historisch oder historisierend?
Altstadtkonstruktionen von Dresden

Modell für das Bauen der Zukunft?
Der Bosco Verticale in Mailand

Wandel statt Dauer
Das Klubhaus St. Pauli in Hamburg

(K)ein antikes Disneyland
Zum Umgang mit den zerstörten Ruinen der Wüstenstadt Palmyra

PROFILE – PROGRAMME – POSITIONEN
ZUM NACHDENKEN ÜBER DENKMALPFLEGE

„Die Schätze der Vergangenheit möglichst unverkürzt […] überliefern“
Zur Einführung

„Kunstwissenschaft und Geschichte müßten sich viel nähertreten“
Georg Dehio und die deutsche Denkmalpflege an der Schwelle zum
20. Jahrhundert

„Nur das von dem Vergangenen noch Gegenwärtige ist nicht vergangen“
Historische Materialien und ihr Urkundenwert bei Johann Gustav Droysen, Georg Dehio und Alois Riegl

„Konservieren, nicht restaurieren ist die höchste Weisheit der Denkmalpflege”
Hugo Lörsch, Konrad Lange, Adolf von Oechelhaeuser
und andere Rektoren reden über Denkmalpflege

„Auch in der Denkmalpflege müssen alle Grundsätze umgeworfen werden“
Deutsche Denkmalpfleger und der Kunstschutz im Ersten Weltkrieg

„Müssen wir nicht die Bewahrung von Erinnerung überhaupt neu
begründen“ Roland Günter, Reinhard Bentmann und Willibald Sauerländer erneuern den Denkmalbegriff im Denkmalschutzjahr 1975

„Als hätte die Moderne keine Geschichte“
Zum denkmalpflegerischen Umgang mit Gebäuden der 1950er
bis 1970er Jahre

Bild-Kommentar: Debattieren über Denkmalpflege

REFERENZEN
ZUR HISTORISCH-THEORETISCHEN VERORTUNG VON DENKMALPFLEGE

Kritik und Krise – Impulse für die Denkmalpflege
Zur Einführung

Ein besonderer Aufsatz
Der Bericht Schinkels und der Preußischen Oberbaudeputation zur
Denkmalpflege, 1815

Das Denkmal als Architekturmuseum
Alvise Piero Zorzis Überlegungen zum Erhalt von Monumenten, 1877

Lebende und tote Denkmale
Louis Cloquets Differenzierung historischer Gebäude, 1893/1901

Denkmalkult
Hans Tietzes lebendige Denkmalpflege, 1920/21

Urbane Erinnerungsfähigkeit
Willibald Sauerländers Erweiterung des Denkmalbegriffs, 1975

Individualisierung und Warenwirtschaft
Igor Kopytoffs Biografie der Dinge, 1986

Projekt Reparatur
Wilfried Lipps postmoderner Denkmalkultus, 1993

Schöne Geschichte
Dieter Hoffmann-Axthelms Entstaatlichungsidee, 2000

VERMITTELN – VERMARKTEN – VERWERTEN
ZUR GESELLSCHAFTLICHEN FUNKTION VON DENKMALEN

Was erwartet die Gesellschaft von der Denkmalpflege und was die
Denkmalpflege von der Gesellschaft?
Zur Einführung

Kann Denkmalpflege Avantgarde sein?
Herausforderungen und Perspektiven der Denkmalpflege zu Beginn des
21. Jahrhunderts

Wer bestimmt über das baukulturelle Erbe?
Denkmalpflege und bürgerschaftliches Engagement

Stiften Denkmale Identität und Heimat?
Zur gesellschaftlichen Funktion historischer Artefakte

Braucht das Bild Substanz?
Stadtbild- und Denkmalpflege

Was will die Denkmalpflege von der Öffentlichkeit?
Von der Denkmalerziehung zur Denkmalvermittlung

Worum geht es: Erbe oder Sehnsuchtsbild?
Die Authentizität des Denkmals und seine Authentifizierung

Bild-Kommentar: Inszenieren von Identität und Heimat

AUSSENSICHTEN
ZU DEN PERSPEKTIVEN VON DENKMALERHALTUNG

Die Rolle des Historischen in der Zukunftsstadt
Zur Einführung

„Dosenpfand für alte Häuser“
Gespräch mit dem Architekten Muck Petzet

„Die Fähigkeit, Heterogenität zu ertragen“
Gespräch mit der Soziologin Martina Löw

„Wie aus Funden Geschichte entsteht“
Gespräch mit der Archäologin Claudia Maria Melisch

„Datenpflege, nicht Denkmalpflege“
Gespräch mit dem Künstler und Medientheoretiker Peter Weibel

SCHLUSS

Nachmoderner Heritage-Kultus?
Herausforderung und Perspektive der Denkmalpflege

Zitierte Literatur

Abbildungsnachweis